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interview: moritz grund “einhundert: der designer und die dinge – ein selbstversuch”

mit seinem text “einhundert: der designer und die dinge – ein selbstversuch” gewann der udk berlin absolvent moritz grund den wilhelm braun-feldweg-förderpreis für designkritische texte 2012.

in dem text beschreibt moritz eine persönliche reise, die im herbst 2003 begann, als er kurz nach seiner ankunft in berlin in seiner neuen wohnung sitzt und all seine besitztümer zählt. dabei kommt er auf nicht einmal 100. einige jahre später wiederholt moritz die übung und kommt zu seiner überraschung auf 767 objekte.

“wie ist meine beziehung zu all diesen dingen? und was kann ich als designer aus der antwort ziehen?”

um diese und ähnliche fragen zu beantworten, entschloss sich moritz seinen besitz zu reduzieren: zurück zur ausgangssituation mit etwa 100 stücken.

alles wird hinterfragt. alles wird geprüft. nichts ist sicher.

zusammengesetzt aus ungefähr 80 kurzen textsegmenten, einigen persönlichen anekdoten und etwas reiner designtheorie, stellt sich “einhundert” als eine erkundungstour nach unserer beziehung zu objekten dar, die in einem sehr zugänglichen und intelligent formulierten text vorgestellt wird.

bei der feier in berlin am montag, den 17. september 2012, erhielt moritz grund einen ganz besonderen preis, eine kopie seines kürzlich veröffentlichten buchs. kurz vor der preisverleihung haben wir moritz grund abgefangen, um mit ihm über das “experiment” zu sprechen und u.a. zu fragen, was er daraus mitgenommen hat.

minimumblog: die naheliegende erste frage: wie hat das experiment begonnen? bist du eines morgens aufgewacht und dachtest, „ich will weniger besitzen!“, oder wo lag deine motivation?

moritz grund: es gab nicht den einen moment, wo ich gesagt habe, “ok, jetzt starte ich das experiment…“. es entstand ganz langsam aus meiner damaligen situation und den erfahrungen, die ich damals gemacht hatte, heraus. damals bin ich ständig umgezogen und viel gereist, was automatisch dazu führte, dass ich weniger besitztümer anhäufte. und dann kam im zuge meines studiums die frage auf, wie man als produktdesigner all diese besitztümer verantworten kann, was mich dazu brachte die dinge aus einem anderen blickwinkel zu betrachten und schließlich die idee entstehen ließ zu dokumentieren, was ich besitze.

minimumblog: trotz des titels können wir den text nicht als einen versuch lesen den besitz auf 100 dinge zu reduzieren. war die “einhundert” so wichtig?

moritz grund: die zahl 100 fasziniert mich, weil es ein greifbarer zahlenraum ist. man kann problemlos bis 100 zählen, bis 100 euro handelt es sich um eine überschaubare summe… hängt man noch ein paar nullen hinten dran, wird es schon viel abstrakter. in dem experiment ging es nie darum am ende bei 100 dingen anzukommen, sondern darum, dass die sache mit ca. 100 dingen begonnen hat und wieder dahin zurückführen soll. zum schluss habe ich aufgehört zu zählen, wie viele objekte ich hatte, aber es waren ungefähr 200, 220 stück. was aber gar nicht entscheidend ist. entscheidend war diese extreme begrenztheit. die kleine menge diente dazu sich mit der großen menge zu beschäftigen. die zahl war mehr ein antrieb, ein werkzeug, um eine marke zu setzen.

minimumblog: in der mitte des textes stellst du deinen lesern eines deiner produkte vor – die lampenschirme fritzi und fritz. inwiefern ist es schlüssig, dass du neue produkte auf den markt bringst, während du gerade deinen eigenen besitz reduzierst?

moritz grund: fritzi und fritz entstanden stück für stück und in ihrem eigenen sehr speziellen, separaten kontext. die entscheidung sie in den text zu involvieren habe ich jedoch bewusst getroffen. in deutschland ist es schwer als kritiker ernstgenommen zu werden, viel zu oft folgt auf kritik das „dann mach es besser!“- oder „zeig uns doch, wie es geht!“-geschrei, was eigentlich nicht die rolle des kritikers sein muss. um dem gleich etwas entgegenzusetzen, wollte ich ein beispiel präsentieren, was verschiedene aspekte verkörpert, die ich als intelligente ressourcennutzung und öko-intelligentes design verstehe. fritzi ist nicht als lösung für jede denkbare situation gedacht, aber als eine kleine möglichkeit in einem kleinen szenario.

minimumblog: am ende des textes gibt es keine schlussfolgerung, stattdessen ist für uns das ganze buch mehr so etwas wie eine walzende serie von schlussfolgerungen. gab es trotzdem eine erfahrung oder ein ergebnis, das einen besonderen einfluss auf dich hatte?

moritz grund: es war nie geplant, dass es irgendeine form von schlussfolgerung oder resümee geben wird, viel mehr war es immer als sammlung von impulsen und denkansätzen gedacht, die die leute zum nachdenken über die dinge und produkte anregen soll. unter den dingen, die ich aus dem experiment mitgenommen habe, ist die tatsache, dass nahezu alles austauschbar ist und dass es ganz schwer ist, etwas zu finden, das wirklich so einzigartig, so wichtig ist, dass es sich lohnen würde oder dass es die anstrengung wert wäre es ständig bei sich zu tragen und verantwortung dafür zu übernehmen.

minimumblog: glaubst du, dass andere produktdesigner etwas aus deinen erfahrungen lernen können?

moritz grund: ich denke, ja. und da die meisten produktdesigner naturgemäß nicht so begeistert designtheorie lesen, habe ich den text bewusst so gestaltet, dass produktdesigner davon angesprochen werden, d.h. ich habe z.b. bewusst auf strittige begriffe verzichtet, alles in relativ kurzen abschnitten gehalten, eine nicht zwingend chronologische struktur gewählt usw. was man daraus lernen kann, ist, denke ich, dass man seine augen immer offen halten sollte, man über den tellerrand hinausblicken soll und dass man das, was man als produktdesigner macht, als etwas verstehen soll, das nur ein ansatz ist, um ein gestecktes ziel zu erreichen und keinesfalls wichtiger ist als alle anderen formen der gestaltung. außerdem dass man immer intelligent und direkt über die funktion dienstleistung eines produktes nachdenken sollte.

minimumblog: und hat die erfahrung dein konsumverhalten verändert, siehst du nun genauer hin und überlegst sorgfältiger, bevor du etwas kaufst?

moritz grund: ich würde sagen, ich schaue und überlege gründlicher. ich war nie der große konsument, aber die erfahrung hat definitiv die art und weise verändert, wie ich dinge sehe und es hat mir geholfen, einfacher und direkter mit objekten umzugehen. …nicht immer alles so ernst zu nehmen. und das ist etwas sehr positives. aber die erfahrung war auch im hinblick darauf positiv, dass ich den wert von objekten besser verstehen kann, z.b. was die materialien betrifft, und so wird der umgang mit den objekten verantwortungsbewusster.

minimumblog: kurz zum schluss, was bedeutet es für dich den bf-preis zu gewinnen?

moritz grund: der preis als solches ist wichtig, weil er der einzige deutschsprachige preis ist, der ernsthaft schreibende gestalter würdigt. aber auch die tatsache, dass der preis ein buch und nicht ein preisgeld ist, ist für mich zeichen eines ausgezeichneten konzepts, weil es bedeutet, dass ich z.b. die erfahrung machen kann mit verlegern, der presse und vielen anderen dingen, mit denen ich normalerweise nicht in kontakt käme, zu arbeiten. und die tatsache dass das alles in einer geregelten umgebung stattfindet, ist sowieso mehr wert als jedes preisgeld.

“einhundert: der designer und die dinge – ein selbstversuch” von moritz grund ist im niggli verlag erschienen und bei allen gut sortierten buchhändlern erhältlich.

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