die hfbk hamburg veranstaltete kürzlich ein design-symposium zum thema: “warum gestalten?”. eine ganz ähnliche frage stellt sich derzeit das deutsche architektur zentrum mit der ausstellung “testify! the consequences of architecture”. der untertitel hier könnte in etwa “warum architektur?” lauten. ursprünglich für das netherlands architectural institute vom in berlin ansässigen kurator und autor lukas freireiss geplant, stellt “testify! the consequences of architecture” 25 architekturprojekte aus der ganzen welt vor. doch nicht etwa aus der auf hochglanz polierten, makellosen fotoperspektive, die sonst von der architekturbranche bevorzugt wird, sondern aus der sicht derjenigen, die die arbeiten tatsächlich nutzen – oder nutzen müssen – wird hier der blick auf architekturprojekte gerichtet. dieser fokus wird durch das ausstellungskonzept unterstrichen: an den wänden hängen neben bildern der benutzer zitate über ihre erfahrungen mit den projekten, während darstellungen der eigentlichen arbeiten flach und neutral, ja klassisch museal, auf tischen liegen.
in der einleitung zum begleitbuch erläutert lukas freireiss die drei probleme im aktuellen architekturdiskurs: einersetis sind da die oben erwähnten sterilen fotos, zweitens die tatsache, dass architekten oft nur mit anderen architekten über architektur reden, und drittens, dass sie zu selten aus ihren projekten lernen. die ausstellung testify! soll nicht nur den ersten punkt richtigstellen, sondern auch die absurdität der punkte zwei und drei aufzeigen.
bei “warum gestalten?” stellte sich immer wieder die frage, wer design eigentlich vorgibt. wer entscheidet, was designt wird? das mehrheitliche urteil: der markt entscheidet. folglich gingen dadurch innovationen und experimente oftmals unter, monierten die teilnehmer. testify! fragt nun – wenn auch nicht immer so explizit – wer architektur und stadtplanung kontrolliert.
viele der vorgestellten projekte entstanden offensichtlich aus der perspektive einer gebildeten mittelschicht heraus. auf uns wirkten kommunale stadtgärten ja schon immer so als wären sie von und für eine relativ kleine gruppe urbaner mittelklassebürger konzipiert worden… kinos, bibliotheken, kulturzentren… wer fragt die menschen eigentlich, ob sie solche dinge überhaupt wollen? dienen sie wirklich den bewohnern? oder werden sie nur errichtet, weil die gebildete, konservative mittelschicht glaubt, sie würden so die gesellschaft voranbringen?
wir wollen damit nicht sagen, dass solche projekte nicht auch anerkannt und erfolgreich sein können. testify! zeigt, soweit wir das beurteilen können, projekte, die genau das waren und noch immer sind.
wir wollen damit genauso wenig sagen, dass solche projekte nicht auch so realisiert werden können, dass sie einer großen masse zugänglich sind. testify! zeigt, soweit wir das beurteilen können, projekte auf die auch das zutrifft.
die frage ist aber, ob die energie, die mittel und das talent derjenigen, die in solche projekte involviert sind, nicht besser in projekten aufgehoben wäre, die eher aus den bereichen einer gesellschaft kommen, die nicht unbedingt direkt an einen herantreten, um zu sagen, was sie brauchen. diese herangehensweise stellt dahingehend eine herausforderung für den architekten dar, dass er mehr tun muss als nur einen ästhetisch ansprechenden bau zu kreieren, der auf hochglanzfotos gut aussieht. er müsste im dienste der kommunen als vermittler zwischen verschiedenen fachgebieten agieren – im hintergrund und somit außerhalb des rampenlichtes.
in diesem zusammenhang wies matthias böttger, der kurator des daz, darauf hin, dass in der ausstellung auch die frage nach der rolle von architekten in unserer jetzigen und zukünftigen welt gefunden werden kann. nun gut, diese frage besteht wahrscheinlich schon seit dem ersten versuch eines neandertalers, den wind von seiner höhle abzuhalten, und war in der westlichen architekturwelt spätestens seit dem bauhaus relevant… doch die bezugspunkte dieser frage ändern sich genauso schnell wie unsere gesellschaft. so muss die frage doch viel mehr lauten, ob “traditionelle” architekturpraxis und -theorie immer die beste wahl ist oder ob man nicht ab und zu ein bisschen experimentierfreude zulassen sollte – auch bei groß angelegten stadterneuerungen. nicht nur die projekte, die bei testify! zu sehen sind, könnten hier als brauchbare bezugspunkte dienen; auch die debatten über die gebäude und freiflächen rund um das daz zeigen, dass der diskurs nicht nur auf bogota, rio de janeiro oder südafrika beschränkt sind. das thema betrifft uns alle.

die folgen von architektur sind für projekte in berlin genauso relevant wie für afrika, südamerika oder asien.
projekte können auch scheitern… oder zumindest nicht von dem erfolg gekrönt sein, der ihnen wegen ihrer hochglanzfotos von den medien prophezeit wurde. aber für lukas freireiss gehen noch zu wenige architekten den weg zurück und überlgen, wie sich das projekt entwickelt hat, was funktioniert hat und was nicht – und lernen dann aus ihren erfahrungen.
das kino in jenin beispielsweise hat unter anderem deshalb probleme, weil diejenigen, die hinter dem projekt stehen, nicht verstanden haben, dass die bevölkerung jenins sich nicht einfach mal hinsetzen, entspannen und 90 minuten lang einen film ansehen kann; sie haben einfach zu viel “hintergrundstress”.
oder das forschungszentrum ahmed baba in timbuktu: als archiv für historisch bedeutsame afrikanische dokumente gedacht, kann es auch drei jahre nach seiner “fertigstellung” noch immer nicht wirklich genutzt werden. das liegt zum teil daran, dass die bürger nach beendigung des projektes sich selbst überlassen wurden – und zwar ohne die mittel oder die erfahrung, ein solches gebäude in stand zu halten.
das sind dinge, die uns zurück zu der frage bringen, wer entscheidet, was gebaut werden soll. wird sich genügend mit nicht-architekten beraten? können solche probleme nicht vermieden werden? übernehmen architekten verantwortung für die folgen ihrer arbeit? testify! beantwortet diese fragen zwar nicht, liefert aber jede menge stoff für den diskurs.
auch wenn die ausstellung nicht besonders groß ist, so schafft es “testify! the consequences of architecture” doch einen tiefgründigen blick auf das thema zu richten. man sollte also zeit mitbringen, will man möglichst viel davon mitnehmen. kopien aus den büchern werden praktischerweise überall in den ausstellungsräumen verteilt.
“testify! the consequences of architecture” ist eine gut durchdachte und gelungen präsentierte ausstellung, die es nicht nur vermag den blick auf architekturprojekte und deren bewertung zu verändern, sondern die auch danach fragt, welcher aspekt eines projektes welche Auswirkungen hat und was architektur, vor allem aber die architekten selbst erreichen können.
“testify! the consequences of architecture” ist noch bis zum 18. märz im deutschen architektur zentrum in der köpenicker straße 48/49, 10179 berlin-mitte zu sehen.
mehr infos gibt’s unter http://daz.de






















