
strategie für die designwirtschaft in berlin
auf dem dmy 2011 in berlin veröffentlichte die berliner landesregierung ihren entwurf für die zukunft der designwirtschaft in der deutschen hauptstadt. erschienen ist der entwurf unter dem titel “strategie für die designwirtschaft in berlin” und baut auf dem forschungsprojekt “die berliner designwirtschaft. potential, strategie, perspektive” der deutschen gesellschaft für designtheorie und -forschung e.V. (dgtf) unter der leitung von prof. dr. gesche joost auf.
die berliner designszene ist für ihre heterogenität bekannt. es gibt nicht den berliner stil und es ist nach wie vor eine wachsende bewegung, von der man durchaus behaupten kann, dass sie momentan nicht so groß ist wie viele denken – und bei weitem nicht so wirtschaftlich relevant, wie sie sein könnte.
ziel der dgtf-studie war es, den status quo der designbranche in berlin abzubilden, während das strategiepapier des senats mehr ein plan ist, um dinge voranzutreiben.
geht man durch das strategiepapier wie ein überbegeisterter dreijähriger, der gerade die versteckten hundekekse entdeckt hat, kommt man zu dem schluss, dass die zukunft der berliner designindustrie in besseren netzwerken von kleinen und mittelgroßen berliner herstellern und händlern liegt. allerdings gibt es da zwei probleme, die wir mit dieser auffassung haben: das erste ist der glaube, dass die designbranche davon profitieren wird. und das zweite, dass sie diejenige ist, die auf die jagd gehen soll.
fast jeder, der in berlin in der designbranche arbeitet, erzählt einem, dass der markt außerhalb der stadt liegt. das war schon immer so. aber berlin ist einfach der beste ort in der welt an dem man sein kann. liest man den dgtf-report, sieht man, dass die mehrheit der berliner designer mit partnern außerhalb berlins arbeitet. das war schon immer so. aber die akteure leben und arbeiten einfach gerne in berlin.
ergo – warum müssen berliner designer mit berliner herstellern zusammenarbeiten? viele würden das vielleicht wollen, viele haben daran vielleicht interesse – aber keiner muss es machen. nicht in unserer modernen digitalen, globalen welt. wer von den kooperationen profitiert, sind die kleinen und mittelgroßen firmen in berlin. nur will der senat, dass die designindustrie die laufarbeit macht. ganz präzise gesagt, wollen sie, dass die designer mehr netzwerkarbeit machen und “speed-dating”-veranstaltungen zwischen designern und firmen organisieren: und die designindustrie sollte solche initiativen führen und koordinieren.
wir hoffen, dass sie das nicht tun werden! wir hoffen, dass sie die arbeit mit ihren kunden von außerhalb weiter voran treiben – genauso, wie berliner unternehmen clever genug, vorausschauend genug und kompetent genug sind, das potential in der zusammenarbeit mit designfachleuten zu erkennen. wie zum beispiel erockit, die – wie wir kürzlich erfuhren – den udk-absolventen benedikt steinhoff beschäftigen, der gemeinsam mit einem ingenieur an der problemlösung und produktentwicklung für den hersteller arbeitet. eine vernüftige und profitable partnerschaft, die den vorstellungen des berliner senats entspricht. aber um solche partnerschaften aufzubauen, müssen die kleinen und mittelgroßen unternehmen angelernt und dazu ermutigt werden auf die suche nach neuen partnern zu gehen. nicht die designer.
wir vermuten, dass das gesteigerte interesse an mehr kooperationen zwischen designern und der einheimischen industrie auf der hoffnung basiert, die lokalen hersteller erfolgreicher zu machen, um so die zahl der jobs und die steuereinnahmen zu erhöhen. gut und schön. dafür ist der senat schließlich da. allerdings wird darüber die tatsache ignoriert, dass wenn man die berliner designszene ermutigt und ihr hilft, (noch) erfolgreicher im ausland zu werden, ebenfalls einkommen erhöht werden, steuern zurückfließen, und die nachfrage nach qualifizierten, talentierten designern steigt.
derzeitig bietet das durchschnittliche berliner industriedesignbüro eine bezahlte anstellung für 1,33 leute. oder besser gesagt, fast alle industriedesignbüros in berlin sind ein-mann-betriebe mit vermutlich einem unbezahlten praktikanten, der aushilft. erhöht man die aufträge von außerhalb berlins, hilft das zum einen, die unbezahlten praktikanten in bezahlte, steuern zahlende angestellte umzuwandeln, und zum zweiten steigert es berlins ruf als internationales kreativzentrum. denn dadurch werden auch internationale designer angezogen, die jobs bieten. und udk- und khb-studenten werden dazu ermutigt in der stadt zu bleiben, weil sie wissen dass internationale kunden ein auge auf berlin haben.
und wie hilft man der berliner designindustrie am besten mehr internationale kontakte zu knüpfen? wie wäre es wenn man eine designmesse mit zeitgenössischem, experimentellem design anregt, deren hoher standard der aussteller international anerkannt ist? eine messe, die die berliner designszene als ihre regionalmesse akzeptiert gern dort ausstellt? die buchstaben d, m und y werden nicht einmal im report des senats erwähnt. #sprichtbände – so oder ähnlich würde wahrscheinlich die jugend von heute reagieren. es ist einfach nicht akzeptabel, dass der berliner senat auf der einen seite davon redet, die berliner designszene zu unterstützen und auf der anderen seite ihrem größten designmarktplatz die hilfe verwehrt.
der berliner senat sieht die zukunft in der organisation seiner eigenen wanderausstellung. wir sind zwar große fans des setu von studio 7.5., wenn der berliner senat aber berlins ruf als designstadt verbessern will, indem man einen preisgekrönten bürostuhl auf reisen schickt, der seit 2009 auf dem markt ist, … dann sei es uns verziehen dass wir nicht vor staunen den atem anhalten.

setu von studio 7.5 für hermann miller - hier als prototyp
ein anderer punkt, der uns aufgefallen ist, ist der wunsch, ein “design hub” aufzubauen. nicht nur weil “design hub” so ein leeres modewort ist, das nur marketing-menschen ernsthaft verwenden, sondern auch weil es als die priorität in der kategorie “gebäude für die designwirtschaft” auftaucht. ein design hub ist wahrscheinlich das letzte was die designbranche in berlin braucht. was die designindustrie braucht, ist die sicherheit dass es auch in zukunft passende und bezahlbare flächen für sie geben wird. designer brauchen nicht viel: die fläche muss groß genug sein, sie muss sicher sein, sollte eine funktionierende strom- und wasserversorgung haben und high speed internet. das war es auch schon. wenn man aber mit jemandem wie mark braun spricht, der vier mal in zwölf jahren umziehen musste, weil ein ateliergebäude nach dem anderen aufgekauft und ausgebaut wurde, wird das problem deutlich. und es wird noch deutlicher, wenn man die modernisierungsmaßnahmen beobachtet, die um sein jetziges domizil herum stattfinden. eine langfristig stabile und profitable designwirtschaft braucht bezahlbare ateliers, die nicht in die hände von immobilienspekulanten fallen dürfen. sie braucht kein gut ausgestattetes gebäude resp. aushängeschild, in dem ministerien konferenzen, empfänge und “medien-events” abhalten können.
interessanterweise taucht das design-hub-konzept in dem schriftstück “potentialanalyse der designbranche berlin. ergebnisse und beiträge für handlungsempfehlungen” von dr. bastian lange von der hu berlin und tanja mühlhans von der senatsverwaltung für wirtschaft, technologie und frauen in berlin auf – nicht jedoch im dgtf-report. es ist die rede von der notwendigkeit, berlin als internationales design hub zu verstehen. und hier ist nicht ein gebäude im sinne von frankfurter-flughafen-lufthansa-hub gemeint, sondern ein konzept.
das “design hub” steht aber symptomatisch für die sicht des berliner senats wie sie in “strategie für die designwirtschaft in berlin” präsentiert wird; nämlich dass die designszene in berlin sich selbst mehr wie eine herkömmliche branche organisieren sollte – mit einer lobbygruppe, einem sprecher, einer verwaltung. so verstehen das politiker. und politiker sind gewohnheitstiere.
obwohl es ein paar positive momente in “strategie für die designwirtschaft in berlin” gibt, signalisiert der größte teil des inhalts doch dass die verantwortlichen im berliner senat weder die moderne globale designwirtschaft noch die designszene in berlin verstehen und einfach konzepte aus anderen bereichen 1:1 in die designwelt übertragen wollen. das ist eine schande und nicht besonders kreativ.
der vollständige dgtf-report “die berliner designwirtschaft. potential, strategie, perspektiven” sowie das strategiepapier “strategie für die designwirtschaft in berlin” kann unter: www.berlin.de/projektzukunft heruntergeladen werden.