auch wenn wir uns wiederholen: wer etwas mit open design zu tun hat, redet darüber mit solch einer ansteckenden energie, dass es grundsätzlich mehr zeit – und folglich auch platz – einnimmt als eigentlich beabsichtigt. was natürlich nichts schlechtes ist. für das folgende interview mit open design city mitbegründer jay cousins bedeutet es aber, dass wir es genau wie schon das mit roel klaassen in zwei teilen online stellen werden. wir wollen euren browser ja nicht überstrapazieren. und da wir einmal bei den vorankündigungen sind: unser interview mit ronen kadushin befindet sich noch in der vorbereitung, wird aber bald auch online sein.
seit der veröffentlichung von open design now während der dmy berlin, haben wir eine menge feedback von leuten erhalten, die mehr darüber wissen wollen, was open design bedeutet und wo es herkommt. und da wir stets bemüht sind, den wünschen unserer leser nachzukommen, haben wir es uns zum ziel gestzt antworten zu finden; dieses unterfangen führte uns unweigerlich zu open design city. gegründet wurde open design city im april 2010, seitdem ist es der ort zum teilen, herstellen und tauschen.
im zweiten teil des interviews werden wir uns open design city selbst zur brust nehemen, fürs erste aber geht es “nur” um jays verhältnis zu open design und seinen mut die damit verbundenen herausforderungen anzunehmen. wie gewohnt starten wir mit einigen fragen über jays backgroud.
jay cousins: studiert habe ich industriedesign an der sheffield hallam university, anschließend widmete ich mich intensiv einer idee, die mir bereits als student kam – und zwar mein Faltgeschirr. ich habe ein unternehmen, orikasio, gegründet und das produkt weltweit vertrieben. das geschirr ist sozusagen origami aus plastik – ein kleines stück plastik, das sich z.b. zur tasse, schüssel oder zum teller falten lässt. das haben wir in über 20 länder verkauft.
danach habe ich mich als social-media-berater etabliert, wobei mich besonders der social media auftritt von communities sowie das stärken von communities interessiert hat. social media ist ja fest mit online verbunden, ich aber betrachte social media und social technology auch als in offline-aktivitäten involviertes konzept, was meiner meinung nach häufig vergessen wird. und so wuchs mein interesse für die communitybildung und speziell auch die einbindung physischer offline-methoden dabei. man kann auch sagen, wie man leuten hilft, etwas in gang zu bringen! dazu gehörte für mich auch das organisieren von barcamps und unconferences in sheffield.
dabei habe ich festgestellt, welche energie auf diesem wege entstehen kann und folglich wo die vorteile loser strukturen im gegensatz zu organisierten liegen. das führte letztlich dazu, dass ich detailliert geguckt habe, was open source alles ermöglichen und manifestieren kann.
minimumblog: ich glaube, wir wissen, was du meinst. aber wie kamst du letztlich zu open design?
jay cousins: eine reihe von erfahrungen führte dazu. auf der einen seite waren da die mit den offenen strukturen und auf der anderen seite die mit meinem eigenen unternehmen. nachdem ich die firma wieder aufgegeben hatte, habe ich mich gefragt, wo mich die erfahrung – den weg von patent und kontrolle über die produkte zu gehen – hingebracht hat. außerdem habe ich über die müllproduktion nachgedacht, die das konventionelle modell zwangsläufig hervorruft. wir leben in einer angebot-und-nachfrage-wirtschaft, die jede menge müll produziert, einfach weil ein produkt zunächst produziert und dann erst versucht zu verkaufen wird.
außerdem war ich ziemlich frustriert, weil ich diese einstellung hatte, das alles, was ich designt habe, mir gehören würde und dass ich eines tages zu meinen halbfertigen, abgelegten ideen zurückkehren würde, um sie fertigzustellen – aber ich habe nie wieder etwas mit ihnen gemacht und daran hätte sich wahrscheinlich auch nichts mehr geändert. ich habe der tatsache ins auge geblickt, dass all meine ideen, weil ich an ihnen festhalte, im müll landen werden.
und dann gibt es da eine schwachstelle im patentsystem, die für mich bedeutete, dass ich geld ausgeben musste, das ich eigentlich nicht hatte – nur um einen patentanwalt zu bezahlen. das macht einen wesentlichen finanziellen knackpunkt im projekt aus.
ich wollte nichts als mein produkt in der welt sehen, und all diese faktoren, die mich eigentlich unterstützen sollten, haben mich stattdessen auf einen weg gebracht, der mir sämtliche energie für das nahm, was ich eigentlich tun wollte. ich konnte weniger kreativ tätig sein, weil ich manager für meine produkte sein musste. das hat mich ziemlich unglücklich gemacht.
minimumblog: und nun eine naheliegende frage: ist das faltgeschirr als open source design erhältlich?
jay cousins: ja. und hätte ich zu beginn meiner arbeit schon das gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich es gleich als open source publik gemacht.
minimumblog: du sagst, du kamst erst über open design nach berlin. lag das daran, dass die szene dort besonders organisiert war oder… ?
jay cousins: ich kann mich nicht genau erinnern, aber es gibt eine sehr große open source und creative commons community in berlin, wodurch ich eine menge über das phänomen gelernt habe und immer interessierter daran wurde, das zu beschreiben, was ich ja schon so lange praktiziere. manchmal ist es eben nur die sache mit dem etikett, das man endlich für etwas findet, wodurch sich dann alles zu einem großen ganzen fügt.
minimumblog: wie würdest du sich open design gerne entwickeln sehen?
jay cousins: ich bin ein offener typ und so geht es mir nicht ausschließlich um open design. viel mehr sollten verschiedene vorgänge auf der ganzen welt transparenter gemacht werden. nur so kann die welt zu einem anständigen ort gemacht werden, an dem wir alle leben können und an dem jeder etwas für sich herausziehen kann. eine menge der probleme, die wir zurzeit haben, kommen von der kontrolle, der geheimhaltung und zentralisierung, was dazu führt, dass wir nicht einmal mehr verstehen können, wie unsere welt eigentlich funktioniert. ich wünsche mir eine offenheit, die alle aspekte der kultur durchdringt.
minimumblog: und wo siehst du im moment die grenzen von open design, was hält deiner meinung nach eine weiterentwicklung auf?
jay cousins: ich würde sagen, die grenzen liegen darin, dass man eier haben muss! (lacht) was ich meine, ist dass das open design hauptsächlich theorie ist und was nötig ist, sind mehr experimente. unternehmen, aber auch Einzelpersonen müssen Mut zeigen und einfach experimentieren. Sie müssten Dinge probieren, auch wenn sie noch nicht wissen, ob das Experiment klappen wird oder eben nicht – nur so kann man erfahren, was gut funktioniert. die leute sollen natürlich nicht ihr ganzes unernehmen oder ihre lebensgrundlage aufs spiel setzen, aber man kann kleine test machen. wer glaubt, leute verhielten sich auf eine bestimmt weise und dieses verhalten beschränke wiederum das eigene verhalten, sollte probieren seinen eigenen standpunkt zu widerlegen. es gilt herauszufinden, was die wirklichkeit ist.
wir brauchen leute, die genau das aus der tehorie in die realität übertragen und die eier haben, ihre vermutungen einem test zu unterziehen.